Olav Amende | 31.05.2015 | www.leipzig-almanach.de

Die Sonne rollt und rollt

Anna Till, Ulrike Feibig und Juliane Schmidt entwickeln in der Werkstatt des Lofft mit
„Achse Ader Zeh – nicht aufhören zu erzählen“ ein performatives Kontinuum.

Darstellerinnen: Anna Till, Juliane Schmidt, Ulrike Feibig (Foto: Thomas Puschmann)

Mit einer gewissen Vorsichtigkeit betrete ich den Raum. Ich blicke auf zwei zueinander versetzt angeordnete, hängende Rollen Pergament vor mir, zu einer dritten Rolle rechts neben mir und nehme etwas versonnen Platz. Denn noch auf den Stufen zum Saal hatte mir meine Begleitung das Rätsel um den Titel dieser Performance gelüftet: Achse Ader Zeh ist die Lösung aus dem Anagramm Scheherazade.

Freiwillig hatte sich Scheherazade, die Erzählerin der Geschichten aus Tausendundeiner Nacht, in die Gefangenschaft des Königs Schahrayârs begeben, um seiner misogynen Berserkerwut dadurch ein Ende zu bereiten, dass sie nicht mehr aufhört – zu erzählen. Würde ihr Erzählen enden, so müsste Scheherazade sterben.

Insofern nehme ich in der Vorstellung Platz, mich erwarte ein Stück, in dem akkumulierte Worte stetig fließen und die Spielenden rastlos, hastig gar zu agieren hätten. Das suggerierte vorab auch das Plakat zur Aufführung, das ein Gewirr vieler, wild ineinander verflochtener Papierstreifen zeigt.

Die Tür öffnet sich. Auf dem Pergament erscheinen die Verse „verließe der löwe nicht sein lager / verließe der pfeil nicht den bogen…“. Die Worte werden sehr langsam, stockend geschrieben, verändert, gelöscht … Dann hebt ein stiller Tanz in der Mitte der Bühne an. Die Tänzerin (Anna Till) dreht sich in Spiralen, die sich öffnen und wieder schließen, ballt die Hand zur Faust und streckt sie impulsiv wieder aus, dehnt sich in den Raum, zieht sich zusammen.

Ein Flüstern beginnt und wächst sacht bis ins Forte der „Morgendämmerung“ an, während sich die Pergamentrollen orange färben und ich mir vorstelle, wie Dinharazade die Worte spricht: „O meine Schwester! Wenn du nicht schläfst, so erzähle uns von deinen schönen Geschichten, dass wir die Nacht dabei durchwachen.“

Diese Ruhe in der Eingangsszene überrascht und fasziniert mich, und im Folgenden eröffnet sich mir ein Spiel, dem das Wesen Scheherazades als Impuls dient, um das Nichtverweilen in den Mittelpunkt der Dramatisierung zu stellen.

Die drei Künstlerinnen – die Choreographin und Tänzerin Anna Till, die Dichterin Ulrike Feibig und die bildende Künstlerin Juliane Schmidt – nehmen das Konzept der Werkstatt zum Anlass, um in dieser Konstellation ein erstes gemeinsames Werk zu präsentieren. Entstanden ist ein harmonischer Dreiklang aus Sprache, Bewegung und Bildern, in dem sich die einzelnen Szenen wie Schleifen ineinander winden.

Die berühmten Illustrationen aus Tausendundeiner Nacht werden mehrmals geloopt und von Juliane
Schmidt mit Geigenmelodien untermalt, die in einen langanhaltenden hohen Ton münden; Ausschnitte aus der Geschichtensammlung werden an die Wand projiziert, in Versen komprimiert und dekonstruiert. Dies geschieht, indem die Worte umgestellt und „radiert“ werden, wie es Ulrike Feibig bezeichnet. Sie schreibt die Worte „ich frage die sonne nach dir / ich frage den blitz / zur nacht …“, bereinigt sie dann und überschreibt sie wie auf antiken Palimpsesten. Dabei lässt sie sich Zeit, versinnlicht das Schreiben als einen aktiven Prozess.

Simultan zu ihr rollen die beiden anderen Spielerinnen die Pergamentrollen ein und auf. Zwischendurch bleiben nur die Worte übrig: „die sonne rollt und rollt …“. Dann verschwinden diese und der stille Tanz aus der Eingangsszene wird wiederholt. Doch nun kommen neue Elemente hinzu, welche die Stimmung fast unmerklich verschieben. Schließlich ist ein kämpferischer Tanz entstanden, eine Choreographie zu den sich rhythmisch wiederholenden Versen. Es ist das Bild eines Kriegers, eines Feldherrn, der fest im Sattel sitzt, den Halbmond wiegt und ihn schleift und schleift und schleift. Wird die Bewegung beschrieben oder vorgeschrieben? Die Sprechhandlung verschiebt sich, wandelt sich um in einen Befehl, dem die Bewegung nun nachfolgt.

Das Spiel büßt dabei an keiner Stelle an Konzentration ein. Der Tanz behält bis zum Schluss eine Spannung, die bemerkenswert ist. In den Augen der Künstlerinnen sehe ich einen Blick, der dem fest entschlossenen Blick der Scheherazade entspricht: Ist sie gegenüber dem König auch die Ausgelieferte, so weiß sie zugleich, dass dieser süchtig nach ihrem Anblick, ihren Worten, ihren Bewegungen ist.

Die Relevanz dieses Werkes liegt damit klar auf der Hand. Nicht nur die immer noch währende hegemoniale Struktur des Patriarchats, sondern auch die Sucht nach Unterhaltung, der Voyeurismus unserer Zeit, das unternehmerische Selbst werden hier künstlerisch reflektiert. Der Mensch konsumiert den Menschen. Die Explikationen des „Weiter-Arbeitens“, des „Weiter-Produzierens“ hätte es da gar nicht mehr gebraucht. Sprache und Bewegung werden in diesem Stück konsequent vollzogen und als Akt des Überlebens dargeboten.

Zum Schluss spitzt sich alles, was im Laufe dieser Stunde gezeigt wurde, in einem Looping zu und konzentriert sich wie der hohe Ton der Geige im Tanz des Derwischs zu einem Moment, der andauert. Das Geschehen löst sich von der klaren Struktur der Szenen, löst die Ordnung auf und befreit sich, verselbständigt sich hin zu einem wuchernden Rhizom. Und damit öffnet sich ein neuer Raum, dessen Echo noch lange, nachdem die Künstlerinnen die Bühne verlassen haben, in mir hallt.

Achse Ader Zeh – nicht aufhören zu erzählen
Von und mit: Anna Till, Ulrike Feibig, Juliane Schmidt
Werkstattmacherinnen: Julia Schlesinger, Clara Probst
Eine Produktion von Anna Till, Ulrike Feibig, Juliane Schmidt
in Zusammenarbeit mit Werkstattmacher e.V. und Lofft

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